Kampf um Anerkennung

Drei Wochen Tagesklinik sind nun fast rum. Ich bin angekommen, habe meine Mitpatienten kopftechnisch akzeptiert, kann mich öffnen. Wir sprechen sehr viel über unsere Probleme. Und ich bekomme wahnsinnig viel Unterstützung von den anderen Patienten. Bei Arzt- und Behördengängen, bei dem Versuch Denkmuster zu durchbrechen und dabei, mit dem normalen Tageswahnsinn zurecht zu kommen.

Einige Patienten machen sich ab und zu den Spaß, mich mit Berührungen zu ärgern, die mich so irritieren. Ich werde mich wohl nie wirklich daran gewöhnen. Den Blickkontakt aufrecht zu erhalten, erzwinge ich inzwischen nicht mehr. Ich habe inzwischen gelernt, meinem Gegenüber zu kommunizieren, dass es eigenartig wirken wird, weil ich sie meist kaum anschauen kann und dass ich sie unter Umständen nicht wiedererkennen werde, wenn ich sie in ungewohnter Umgebung antreffe. In der TK wird das akzeptiert. Doch ich empfinde es in der Realität als nicht umsetzbar.

Ich soll nun wahrscheinlich auf Antidepressiva eingestellt werden. Aber ich bin noch auf Konfrontationskurs mit dem Oberarzt. Aus meiner Sicht hat er keinerlei Interesse an den Menschen. Aus seiner Sicht bin ich keine Autistin. Seine Begründung: „Sie lieben Ihren Mann. Ein Autist kann nicht lieben.“ Den habe ich gefressen! Ich war gestern so aufgebracht, dass ich in meinem Tagebuch einen halben Roman zusammengeschrieben habe. Und das tat gut.

Stimmungstechnisch hat sich noch nicht viel geändert. Es gibt gute Momente, weil wir eine ziemlich bunte lustige Truppe sind. Aber die Sorgen, in der normalen Welt nicht akzeptiert und anerkannt zu werden sind zu groß.

Die Selbstfindungsphase hat jedoch Erkenntnisse gebracht. Ich habe den falschen Job. Als IT-Beraterin habe ich als junger Hüpfer – vom Geld getrieben – gedacht, dass ich halt nur über meinen Schatten springen muss und die ganze Welt mit meiner Schauspielerei beherrschen kann. Und das Verstellen bringt die Probleme. Sofern ich offen mit meinen Problemen umgehe, bin ich entspannt. In der TK funktioniert das. Wir sind alle Freaks … da kann ich offen sein. Doch ich kann ja schlecht die ganze Welt als Irrenhaus betrachten und bei jedem offen sein. Oder vielleicht doch?

Blackout

Heute bin ich auf einem neuen Tiefpunkt angelangt. Auf der Heimfahrt habe ich irgendwie einen Blackout gehabt. Ich wollte nach dem „Feierabend“ meine Kinder von meiner Mutter abholen wollte. Ab einem gewissen Punkt habe ich keine Erinnerung mehr an meine Fahrt. „Aufgewacht“ vom Gedankenkreisen bin ich plötzlich in einem Ort kurz vor meinem Wohnort, als ich bemerkt habe, dass ich in die falsche Richtung fahre. Ich fand das äußerst erschreckend.

Langsam beginnt mein Inneres die Mitpatienten zu akzeptieren. Ich kann mich auf Gespräche, auch tiefergehende, ganz gut einlassen, bemerke, dass mir das guttut und dass ich eigentlich ein sehr hohes Mitteilungsbedürfnis habe. Ich nutze es, um mich mitzuteilen, weiß aber nicht, ob das von den anderen überhaupt gewollt ist. Da ich die Reaktionen meiner Mitmenschen immer relativ schlecht einschätzen kann, weiß ich nicht, ob sie das gutheißen. Wenn sich dann beim Erzählen weggedreht wird und ein anderes Gespräch angefangen wird, bin ich überfordert, weil ich den Zuhörer langweile. Aber da ist an sich kein Tagesklinik-Problem, das geht mir schon immer so.
Trotz der extremen Müdigkeit bin ich heute dennoch zum wöchentlichen Vereinsabend im Dorfverein gegangen. Da ich mich wie ein Zombie fühle, kann es ja kaum mehr schlimmer werden :-/ Aber das ist das Einzige, das ich in der Woche als festen Punkt habe, an dem ich definitiv aus dem Haus gehe, um mich mit anderen zu treffen. Deswegen wollte ich es lieber nicht ausfallen lassen. Und deswegen genieße ich jetzt noch ein Bierchen mit Freunden 🙂

Sozialtraining?

Heute war ein extrem anstrengender Tagesklinik-Tag. Hat mir ehrlich gesagt nicht wirklich zugesagt. Nach dem Frühstück gab es „progressive Muskelentspannung“. Es wurde eine CD eingelegt, und zu dem, was dort in düdelnden Tönen ins Mikrofon gehaucht wurde, sollte man sich nun entspannen. Furchtbar! Je öfter das Wort „entspannen“ gesagt wurde, desto angespannter und aggressiver wurde ich im Inneren. Nebenbei drängte sich das Ticken der Uhr im Raum extrem in den Vordergrund und wirkte in meinem Kopf am Ende wie ein Hämmern. Auch das Rauschen eines Duftzerstäubers und die vorbeifahrenden Autos waren just in diesem Moment unerträglich. Entspannt hat es mich also nicht, wohingegen alle anderen zumindest so wirkten, als wenn sie völlig den Kopf frei kriegen.
Dann waren wir kegeln. Spaß war anders. Durch diese Konzentration auf die Geräusche bei der progressiven Muskelentspannung (vermute ich, dass das der Grund war), hatte ich arge Probleme mit dem Knallen der Kugeln und Kegel klarzukommen. Ich war froh, als wir wieder draußen waren. Danach gab es Musiktherapie. Da ich mittendrin zur ärztlichen Untersuchung musste, konnte ich diese nicht bis zum Ende durchführen. Aber lautstärketechnisch war ich heute sowieso schon am Limit. Das war heute echt zuviel für meine Nerven.
Nach dem Mittagessen gab es „Sozialtraining“. Das ist im Grunde NICHTS. Die andere Gruppe hatte auch sichtlich ihren Spaß, aber ich traue mich ja nicht in solchen Fällen zu fragen, ob ich mitmachen könnte, weil ich dafür wieder zu feige bin. Die Gruppen organisieren sich selbst. Offensichtlich hatte man sich in unserer Gruppe dafür entschieden, eine Stunde lang nichts zu tun. Man hätte rein theoretisch irgendwas machen können. Aber da es keinerlei Anleitung und Anregungen gab, saß ich nur da und grübelte. Und heulte. Bei der Ärztin habe ich kein bisschen geweint. Ich hatte wieder mal die Gute-Laune-Maske auf. Warum das so war, kann ich nicht erklären. Obwohl ich diesmal eine echt schlechte Schauspielerin war. Ich glaube, ich habe total überdreht gewirkt. In der Grübelzeit während des „Sozialtrainings“ brachen dann dummerweise wieder die Dämme. Ich bekam das Heulen, ohne Grund.
Gut, eines schaffte ich während des Sozialtrainings: Ich habe eine Autismus-Ambulanz angeschrieben, und um einen Termin zur Diagnose gebeten. Die Ärztin sagte mir nämlich bei der Untersuchung, dass in diesem „Wald- und Wiesenkrankenhaus“ (ihre Aussage) keine Experten dafür gibt. Ich müsse mich dann selbst darum kümmern. Das habe ich getan. Hätte ich das gewusst, hätte ich das schon eher gemacht. Ich musste übrigens innerlich herzlich lachen, als ich mich darüber informiert habe, welche Möglichkeiten meiner Nähe sind. Es gibt da Dresden oder Berlin. Beides weit weg. Aber in Dresden müsste man sich telefonisch anmelden und das erste Diagnosegespräch wird auch telefonisch gemacht. Also solche Freaks, wie ich es bin, werden sich dort nicht freiwillig melden *lach*. Die Kontaktaufnahme für Berlin ist nur schriftlich möglich. Also habe ich mich natürlich dort angemeldet.
Nach diesem unheimlich guten Sozialtraining (*Ironie*) gab es dann noch ein „Genusstraining“. In dieser Woche war das „Schmecken“ an der Reihe. Ich muss sagen, dass ich diese Runde tatsächlich sehr genossen habe.

Heute hatte ich einen Moment, bei dem einer der Mitpatientinnen, mir den Arm um die Schulter legte. Ich habe mich nicht getraut, zu sagen, dass ich das als unangenehm empfinde, zumal ich die Dame überhaupt GAR NICHT kenne. Mehr als ihren Nachnamen weiß ich nicht. Aber ich habe es einfach nicht geschafft, es auszusprechen. Es ist mir unangenehm, aber ich sage nichts. Solche Situationen gibt es oft.

Diese Dauererschöpfung, die ich spüre, schlägt sich auf alles nieder. Für mich ist die Zeit in der Tagesklinik momentan viel anstrengender, als wenn ich mich weiter daheim auf meiner Couch verkrieche. Aber ich muss was tun. Es kann ja nicht ewig so bleiben.
Bevor ich den Heimweg angetreten habe, musste ich dann nämlich noch beim Sozialamt lang, um den Antrag für einen Schulbegleiter für meinen Sohn abzuholen. Der wird nämlich dieses Jahr auch eingeschult und ist ebenfalls Autist (atypisch oder Asperger, das ist noch nicht eindeutig, seine Sprachentwicklung ist extrem schlecht, sein IQ allerdings enorm). Und diesen Berg an Anträgen muss ich jetzt schnellstmöglich ausfüllen und wieder abgeben. Mit meiner derzeitigen Motivation schier unmöglich.

Selbstwertgefühl

Es ist verrückt, wie extrem geschlaucht ich mich nach diesem Tag fühle. Im Grunde bestand er lediglich aus einem Frühstück, ein paar wenigen „sportlichen“ Übungen, einem Aufnahmegespräch der Therapeutin, einem Mittagessen und einem Gruppengespräch am Nachmittag. Nichts Weltbewegendes. Aber ich bin schon jetzt so müde, dass ich sogleich ins Bett fallen werde.
Genau genommen wurde heute erst einmal konkretisiert, seit wann die Depressionen eigentlich bestehen und wie die Randbedingungen aussehen (Unterstützung von Familie und Freunden). Und natürlich, welche Ziele für mich bestehen. In erster Linie habe ich mir gewünscht, dass man mir hilft, meine sozialen Ängste abzubauen.
Was mir heute besonders bewusst wurde, ist die Tatsache, dass ich selbst nie jemanden hatte, mit dem ich tatsächlich über Probleme rede. Das Erzählen bei der Therapeutin fiel mir gar nicht so schwer, wie ich erst dachte. Das Gefühl, dass sie völlig unabhängig von allen Bekannten, Verwandten und Freunden ist, unterstützt es ungemein. Ich habe wirklich sehr ungezwungen reden können. Die Tränen hielten sich in Grenzen.

Im Gruppengespräch hatten wir das Thema Selbstwertgefühl. Die Beiträge der anderen Teilnehmer gingen in die Richtung „Anerkennung am Arbeitsplatz“. Mein Selbstwertgefühl wird in erster Linie durch meine eigene Familie zerstört. Meine Mutter, die mich durch Ausfragen in die Ecke drängt, von der ich eigentlich nur das Gefühl habe, dass sie kein Interesse an mir hat, sondern mich nur ausfragen möchte, um etwas gegen mich verwenden zu können. Mein Vater, bei dem ich jeden seiner Kommentare als negativ empfinde. Nur aufgrund der Art, wie er ist. Und das Gefühl, alles als Angriff auf meine Persönlichkeit zu sehen. Das ist kein Aspi-Problem. Das ist seit der Kindheit gewachsen. Und es steht in großem Zusammenhang mit meinen Depressionen. Egal, was ich auch tue, wie erfolgreich ich auch bin (und das BIN und WAR ich tatsächlich), ich habe niemals die Anerkennung meiner Eltern in der Form bekommen, wie ich sie mir gewünscht habe. Ich denke, dass das viel mit dem Gefühl zusammenhängt, das ich nun habe, dass ich streben und streben kann, soviel ich will. Ich kann niemals den Punkt erreichen, bei dem ich mir glücklich auf die Schulter klopfen kann und sagen kann: Gut gemacht, Lotti! Weil SIE es nie taten. Und wenn doch, dann gab es stets ein „aber“. Aus diesem Grund kann ich Lob nicht so annehmen, wie ich es sollte.
Im Gruppengespräch hatten wir eine interessante Gesprächsentwicklung. Ein Teilnehmer fragt den anderen, was er sagen würde, wenn er nicht zum Geburtstag anruft. Daraufhin grätschte ich dazwischen und sagte: „Gott sei Dank!“ Alle schauten mich fragend an. Dann erzählte ich von meiner Telefonangst und dass ich es fürchterlich finde, wenn an dem Tag Hinz und Kunz anrufen und einen nicht in Ruhe lassen. Und auch, dass ein Überraschungsbesuch nicht von mir gutgeheißen wird. Ich erntete natürlich völliges Unverständnis. Was auch sonst? Ich wurde quasi in einer Gruppe „überstimmt“, dass eine persönliche Kommunikation immer besser wäre. Ich fühle mich bisher in dieser Gruppe wie der Freak, der ich auch sonst bin, die Eigenartige, die Anderen nicht in die Augen schauen kann. Selbst innerhalb dieser Gruppe von Menschen, die im Grunde sehr ähnliche Probleme haben, merke ich deutlich, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen sind. Eine der Teilnehmerinnen erzählte, dass eine Freundin ihr immer extrem lange WhatsApp-Nachrichten schicken würde und sie davon genervt sei, weil sie – ihrer Meinung nach – nicht den nötigen Respekt entgegenbringt, mit ihr zu telefonieren. Ans Telefon ginge sie nie ran. Ich persönlich finde es erschreckend, dass solche Themen für manche Menschen tatsächlich essenziell sind, um ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Aber in erster Linie lasse ich jeden Gedankengang erst einmal zu und lehne nichts ab, nur weil es mir selbst nicht so ergeht. Ich sagte ihr, dass ICH mich darin total wiederfinde und dass das wahrscheinlich auch bei ihrer Freundin kein Zeichen fehlenden Respekts sei, sondern sicherlich auch seine Gründe hätte. Eine andere Teilnehmerin schlug den Kompromiss vor, dass sie ja eine Sprachnachricht per WhatsApp senden könne, das käme im Grunde aufs Selbe raus. Aber ihr Gegenüber kann dann antworten, wann sie will und ihre Antwort lange genug überdenken. Und ich erklärte, dass auch ich genau deswegen das Problem habe, zu telefonieren, weil ein Telefonat unvorhersehbar ist und ich es nicht konkret planen kann und dann am Ende unzufrieden mit dem Verlauf wäre. Letzten Endes hatte ich nicht das Gefühl, dass sie diese Lösung annehmen könnte. Und es zeigt mir einmal mehr, dass ich mit meiner Art zu kommunizieren in der Welt der Nicht-Autisten niemals angenommen werde, weil die Kompromissbereitschaft nicht da ist. Da ich mich auf Dauer aber nicht ändern kann, da mich das offensichtlich krank macht, immer gegen mein ICH anzukämpfen, um in der Nicht-Autisten-Welt zu überleben, muss ich eine andere Strategie wählen. Und diese wird sein, dass ich mir Antworten zurechtlegen muss, warum ich mich nicht in der Lage fühle, dieser „Norm“ zu entsprechen. Und da sind wir wieder an einem Punkt: Die Autismus-Diagnose! Solange ich keine habe, kann ich mich nicht darauf berufen. Aus diesem Grund habe ich genau das als Wunsch bei meiner Therapeutin angegeben, auch wenn ich mir damit als „Behinderte“ einen Stempel aufdrücken würde. Doch ich habe keine Lust, mich belächeln zu lassen, weil ich mir das alles nur einbilden würde.

Abschließend zum Thema Selbstwertgefühl … Mein Vater sagte heute in einem sehr desinteressierten Ton, als er kurz bei mir daheim war, um die Kinder vorbei zu bringen „na, an DEM fehlt es dir ja nun nicht“. Ich habe das so stehen lassen. Wieder einmal war ich sprachlos über seine abschätzige Art und Weise. Offensichtlich mache ich nach außen einen unheimlich selbstbewussten Eindruck. Meine Schauspieler-Strategie scheint also schon immer hervorragend zu funktionieren. Erschreckendes Fazit des Tages: Mein Vater kennt mich nicht und interessiert sich auch nicht dafür, wie ich bin. Jeder Versuch einer Erklärung scheint zwecklos.

Ich bin gespannt auf die Selbsterkenntnisse, die mich morgen erwarten, und wünsche euch allen eine gute Nacht!

Warum ich mich entschieden habe, mir Hilfe zu suchen

Eigentlich habe ich mich nicht das erste Mal entschieden, mir Hilfe zu suchen. Genau genommen habe ich jahrelang immer wieder darüber nachgedacht, zumindest eine Gesprächstherapie zu machen. Aber … das machen doch nur die Leute in amerikanischen Filmen. Oder etwa nicht? Jedenfalls habe ich nie konsequent nach einer Lösung gesucht. Und sooo schlimm war es ja auch nie, sagte ich mir. Ich habe halt seit meiner Jugend immer wieder mal phasenweise Depressionen. Im Normalfall geht es mir nach ein paar Wochen, spätestens Monaten wieder von allein etwas besser.

Lange Zeit suchte ich selbst nach dem ultimativen Mittel, damit es mir besser ginge. Johanniskraut, Vitamin-D-Hochtherapie, Tageslichtlampen, nichts blieb unversucht. Bald habe ich mich mit alternativen Heilmethoden beschäftigt. Das wurde zwischenzeitlich sogar zu meinem Spezialinteresse, dieses Thema habe ich unheimlich lange verfolgt und mir ein fundiertes Basiswissen angeeignet. Egal, welche Hobbys ich mir suchte. Insgeheim hatten sie immer mit der Suche nach der Lösung meines Problems mit mir selbst zu tun.

Vor etwa acht Jahren hatte ich eine Freundin, die ich tatsächlich als meine beste Freundin bezeichnet habe. Eigentlich habe ich so etwas wie beste Freundinnen nicht, da ich im Normalfall niemanden wirklich an mich heranlasse. Aber es war eine Zeit, als ich in meinem neuen Wohnort fußfassen wollte und sie schien mir dort das einzige weibliche Wesen, mit dem ich hier in der Gegend zurechtkam (im Übrigen ist das bis heute so geblieben, keine Ahnung, inzwischen habe ich viele – relativ oberflächliche – Freunde, aber alles sind Männer, die sind leicht gestrickt und reden seltener zweideutig, sondern sind direkt). Zurück zu meiner „Freundin“ (ja, ich schreibe bewusst in Anführungszeichen, auch das hat Gründe) … Sie gestand mir, dass sie Antidepressiva nimmt und eine Therapie macht. Daraufhin nutzte ich die Chance und habe ihr von meinen Problemen erzählt. Da ich mich niemals in der Lage fühlte, alleine zum Arzt zu gehen, um mir Hilfe zu suchen, begleitete sie mich. Ihr habe ich es zu verdanken, dass ich tatsächlich den ersten Schritt gemacht habe. Das ist jetzt sieben Jahre her. Was ich damals schon gemacht habe: Ich gab dem Arzt nur einen Brief, weil ich nicht reden konnte. Doch ich bekam Hilfe in Form von Tabletten. Und ich meldete mich bei einer Gesprächstherapie an … die ich abbrach. Warum? Es hatte gute Gründe, doch diesem Thema werde ich einem neuen Blogbeitrag widmen. Dann suchte ich mir eine neue Therapeutin und brach auch diese Gesprächstherapie nach fünf Stunden ab. Ich schlich die Medikamente aus und schmiss alles hin. Warum? Weil ich wieder schwanger war. Und ich war der Meinung, dass all meine Sorgen und Nöte eingebildet waren. Ich war überglücklich!
Zwischendurch schlich sich immer wieder mal die ein oder andere Depriphase ein. Von Mal zu Mal wurde es schlimmer, ich entwickelte eine Spielsucht für ein Online-Spiel und beschäftigte mich nur noch damit. Dann hatte ich im Mai 2016 einen wunderschönen Urlaub mit meinen Freunden aus dem Dorf. Kein Mann, keine Kinder, nur Party, feiern, abspannen, alles vergessen, sogar das Online-Spiel … ich vergaß tatsächlich. Ich habe in dieser einen Woche so dermaßen den Kopf abgeschaltet, dass nur in den seltensten Fällen das Chaos, das sich daheim türmte, einen Platz in meinem Kopf fand. In dieser Woche habe ich einen besonders guten Freund ganz intensiv kennengelernt, der mir unheimlich viele Fragen über mich stellte. Er hat teilweise so tief gegraben, warum ich so bin, wie ich bin, und warum mein Umfeld so ist, wie es ist, dass es mir unangenehm war, überhaupt darüber nachzudenken. Und es gab viele Momente, in denen ich nur schweigend darüber nachgrübelte. Diese Woche war eine derart intensive Selbsterkenntnis. Doch die Realität schlug mir am Ende des Urlaubs ins Gesicht. Und ich fiel in ein unendlich tiefes Loch.
In der darauffolgenden Woche ging ich zu meinem (neuen) Hausarzt. Eigentlich war er nicht neu. Ich war schon als Jugendliche bei ihm. Er kannte mich. Zu gut. Es war mir extrem unangenehm, ihm einzugestehen, dass ich wieder Hilfe bräuchte. Er gab mir aber nicht sogleich Tabletten, sondern überwies mich zu einer Psychiaterin. Aber versucht mal, in Brandenburg einen Termin beim Psychiater zu bekommen. Eine Wartezeit von vier bis sechs Monaten ist hier Realität. Doch ich fand eine Psychiaterin 70km entfernt, die bereits in der nächsten Woche einen Termin für mich frei hatte. Warum das so war, weiß ich inzwischen auch. Sie ist weder der deutschen Sprache mächtig gewesen, noch hat sie mich ernst genommen. Sie verschrieb mir Antidepressiva und machte ein EEG, weil ich erwähnte, dass mein Kopf einfach durchzudrehen scheint. Mein letzter Besuch im Januar dieses Jahres nutzte ich dazu, ihr von meiner Vermutung, Asperger-Autistin zu sein, zu erzählen. Ihre Reaktion? „So etwas BEKOMMT man in Ihrem Alter nicht mehr.“ Okay, das war zu viel. Mein Drehbuch war somit wieder mal im Arsch. Das war nicht die Reaktion, mit der ich gerechnet hatte, dafür hatte ich keine Argumente bereitgelegt. Alles war wieder dahin und ich musste für mich selbst „cut“ rufen. Cut heißt in diesem Fall (mal wieder): Da gehe ich nicht mehr hin! Die Tabletten schleiche ich alleine aus. Ich schaffe das schon alleine. Wer braucht schon einen Psychiater? Einen Ersatzpsychiater zu suchen, kam für mich nicht in Frage, denn ich hatte einerseits das Problem, dass ich nicht wusste, wer gut genug war, andererseits die lange Wartezeit und außerdem stünde ich dann abermals vor dem Problem, dass ich mich bei verschiedenen Psychiatern durchtelefonieren müsste (hatte ich schon erwähnt, dass ich es hasse, zu telefonieren, wenn ich nicht weiß, was passieren wird?) und dass ich dann wieder neue Drehbücher für die neuen Ärzte schreiben müsste.
Weiteres Resultat: Ich ging nicht mehr zu meinem Hausarzt. Er – der mich seit meiner Jugend kennt – hat einen derart eigenartigen Einfluss auf mich als Autoritätsperson, dass mir eine erneute „Gegenüberstellung“ unvorstellbar vorkam. Also ging ich nicht mehr hin. Aber was macht man, wenn man zudem Schilddrüsentabletten benötigt? Die Tablettenpackung neigte sich dem Ende … Was macht also jemand wie ich? Richtig! Ich suche mir eine neue Hausärztin. Zu ihr bin ich eigentlich nur wegen meiner Schilddrüsentabletten hingegangen. Als ich bei ihr drinnen saß, fragte sie mich: „Und, wie geht es Ihnen?“ Ich konnte in dem Moment nicht das übliche Lächeln aufsetzen und meine Rolle spielen. Ich war an diesem Tag zu schwach für diese Schmierenkomödie. Also gab es nur ein „mmh, na ja“. Sie schaute mich mit einem unheimlich liebevollen Blick an: „Was ist denn los?“ Ich brach (natürlich) in Tränen aus und konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Sie schrieb mich krank und riet mir, dass ich mir einen neuen Psychiater suchen sollte. Sie sprach sogar eine Empfehlung aus. Doch der früheste Termin, den ich bekommen konnte, war Ende September. In dieser einen Woche der Krankschreibung wurde mir so viel bewusst und ich fiel noch viel tiefer in das Loch, sodass ich mich keinesfalls in der Lage fühlte, zu arbeiten. Aus diesem Grund eröffnete sie mir die Möglichkeit der Tagesklinik. Und diese Chance nutzte ich und saß vor drei Tagen beim Vorgespräch.
Aufgrund der Brisanz und meinem Eindruck, den ich offensichtlich bei der Leiterin der Tagesklinik gemacht habe, bekam ich die sofortige Zusage mit dem Termin für morgen. Ich werde morgen die einzige NEUE in einer Gruppe von acht Menschen sein (insgesamt gibt es zwei Gruppen, also fünfzehn Patienten, denen ich begegnen werde). Es wird für mich morgen definitiv eine große Herausforderung.

Ich bin extrem nervös, weil ich mich derzeit nicht einmal annähernd in der Lage fühle, mein Drehbuch für morgen zu schreiben. Aber ich habe mir vorgenommen, das Nicht-autistische-Schauspieler-Ich zu verdrängen und ICH zu sein. So wie ich bin. Aber wie bin ich eigentlich, wenn ich ICH bin? War ich jemals ICH? Oder kopiere ich schon mein ganzes Leben und spiele nur Rollen? Ich glaube, ich weiß es selbst nicht. Und das sehe ich in erster Linie als Aufgabe, herauszufinden.

Auf geht’s!

Kurzvorstellung – Herausforderung

Da bin ich nun … 33 Jahre alt, weiblich und selbstdiagnostizierte Asperger-Autistin.

Da mein gesamtes Leben aus Texten, Büchern und dem Schreiben besteht, denke ich schon seit Jahren darüber nach, einen Blog zu schreiben. Aber ganz ehrlich? Wen interessiert denn schon ausgerechnet meine verquere Gedankenwelt? Würde das nur wieder darin enden, dass ich mich ins Abseits stelle und dass ich für das, was ich tue, belächelt oder gar verspottet werde?

Ich wage den Schritt nun dennoch. Warum?

Weil ich in zwei Tagen das erste Mal in eine psychiatrische Tagesklinik gehen werde. Weil ich wieder einmal Depressionen habe. Weil ich mich auf diesem Weg von euch begleiten lassen möchte, um mich selbst davor zu schützen, alles hinzuschmeißen. So jemand bin ich nämlich.

Die Entscheidung für eine Tagesklinik fiel mir nicht leicht. Gruppengespräche … mmh … für jemanden wie mich kein leichtes Unterfangen. Ich schreibe Drehbücher in meinem Kopf, alles muss geplant sein, Unvorhersehbares bringt mich aus dem Konzept. Und was ist Unvorhersehbarer als das, was in einem Gruppengespräch in solch einer Klinik passiert?

Die Leiterin der Klinik hat mich vorgewarnt, dass ich mich am ersten Tag zumindest vorstellen müsste. Derzeit drehe ich also dieses Drehbuch … Ich weiß schon jetzt, dass ich, egal was ich sage, weinen muss. Und wenn ich nur erzähle wer ich bin. Weil ich innerlich so sehr angespannt sein werde. Ich werde erst rot anlaufen, die Nase geht zu, Tränen steigen mir in die Augen, dann wird irgendwann eine Welle heißer Blitze durch meinen Kopf gehen und die Dämme werden brechen. Ich werde heulen. Wie immer, wenn ich traurig, extrem glücklich, aufgeregt, sauer bin oder mich irgendetwas emotional berührt.

Autisten schreibt man in der Regel Empathielosigkeit zu. Könnte man mir nicht wirklich, aber es scheint offenbar so. Ich versuche, meine Gefühle zu verbergen, weil ich weiß, dass ich weinen werde. Wenn ich weiß, dass mich etwas emotional überfordern wird, vermeide ich, dass mir das passieren wird, indem ich die Situation an sich vermeide. Mir steigen manchmal schon die Tränen in die Augen, wenn mich jemand fragt, wie es mir geht. Im Übrigen finde ich diese Frage total hirnrissig. Ich will dann am liebsten fragen „interessiert es dich wirklich?!“, aber ich traue mich nicht, weil ich mir selten etwas traue. Und wenn, dann wirkt es immer komisch und ich ärgere mich darüber.

Das zumindest erstmal zur Einführung. Da ich laut der Tagesklinik-Leiterin sowieso Tagebuch führen soll, nutze ich die Chance, um diesen Blog ins Leben zu rufen. Vielleicht gibt es ja noch mehr Freaks da draußen, die mich bei meiner Selbstfindung seelisch und moralisch unterstützen möchten.

Ich danke euch, wenn ihr zumindest bis hier her gekommen seid und entschuldige mich im Voraus für meine „Romane“, die ganz sicher folgen werden.

Viele Grüße

Lotti